Ein Tag in Sunnydale

Ich liebe die Serie “Buffy – The Vampire Slayer”, und die Charaktere eignen sich perfekt für FanFic.
Diese Geschichte habe ich meinem Mann vor Jahren zu Weihnachten geschenkt, er ist ebenfalls großer Fan der Serie.
Die Rechte an den Charakteren gehören selbstverständlich Joss Whedon und diversen Fernsehsendern, ich habe sie mir nur ausgeliehen und selbstverständlich pfleglich behandelt.

***

6:30, der Wecker klingelte. Völlig schlaftrunken, aus dem schönsten Traum gerissen, tastete er nach dem Monstrum, um es auszuschalten. Eigentlich wollte er sich noch einmal umdrehen und weitere zehn Minuten liegen bleiben, als er plötzlich stutzte. Irgendetwas war anders.

Nur einen kurzen Moment hatte er die Augen geöffnet, um auf den Wecker zu hauen, aber in dieser Zeit hatte ihm sein Unterbewusstsein vermittelt, dass etwas an seiner Umgebung nicht stimmte.
Zum einen war es viel zu hell.

Es war der 4. Dezember, in den letzten Tagen war es richtig kalt geworden, die morgendlichen Stunden waren dunkel und ungemütlich. Doch jetzt schien ihm die Sonne ins Gesicht.

Hatte er verschlafen? Hastig richtete er sich auf und öffnete die Augen. Endlich nahm er seine Umgebung bewusst wahr.

Das Zimmer hatte sich verändert. Nein, es war nicht einmal mehr sein Schlafzimmer.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die hellen Holzmöbel und duftigen Gardinen. Auf einem kleinen Tisch stand eine Vase mit frischen Blumen, an der Wand hingen Bilder mit Landschaftsaufnahmen. Er selbst lag in einem Messingbett mit goldenen Knäufen an allen vier Enden und bunt gestreifter Bettwäsche.

Das musste doch ein Traum sein. Verzweifelt versuchte er aufzuwachen, aber das Zimmer veränderte sich nicht.

Wo war er? Was war passiert?

Langsam und vorsichtig wälzte er sich aus dem Bett und ging zum Fenster. Ein Blick nach draußen zeigte ihm, dass er nicht mehr in seinem Haus war. Er sah vom ersten Stock aus auf einen Vorgarten mit einem weißen Gartenzaun. Das schien nicht einmal seine Stadt zu sein.

Entsetzt drehte er sich um und stolperte zu einer Kommode über der ein Spiegel hing. Er sah ein weißes, erschrecktes Gesicht mit ungläubig aufgerissenen Augen. Aber es war sein Gesicht.

Nach und nach öffnete er alle Schränke. Dort hingen säuberlich auf Bügel gehängt seine Hosen und Hemden, in den Fächern lagen seine Shirts, seine Wäsche und die Socken. Es waren eindeutig seine Sachen, er erkannte sie genau. Es war auch sein Buch, das auf dem Nachttisch neben dem Bett lag, erst gestern noch hatte er darin gelesen. Und die Kassetten in der Kommode waren mit seiner Musik bespielt.

Auf was für einem Trip war er?

Plötzlich hörte er Schritte, die anscheinend eine Treppe hinaufkamen. Eine ihm unbekannte Frauenstimme rief seinen Namen. “Martin? Bist du schon wach?“

Was sollte er nur machen? Es gab keinen Fluchtweg. Wohin hätte er auch flüchten sollen. Er wusste ja nicht einmal, wo er sich befand und wie er an diesen Ort gekommen war.

Träumte er noch? Ja, es musste ein Traum sein. Es war unmöglich, dass er sich plötzlich an einem unbekannten Ort befand, den er niemals zuvor gesehen hatte.

All diese Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Dann klopfte es an der Tür. “Martin, du musst aufstehen. Du kommst sonst zu spät zur Schule”

Schule? Er war über 30 Jahre alt und hatte vor langer Zeit die Schule beendet. Der Traum wurde immer bizarrer, aber der Gedanke, dass er nur träumte beruhigte ihn auch. Und irgendwie war er neugierig, wie es weitergehen würde.

Es klopfte wieder, und ihm wurde klar, dass er in irgendeiner Form reagieren musste, denn die Frau vor der Tür würde nicht weggehen. Anscheinend verlangte dieser Traum Reaktionen von ihm.

Also öffnete er den Mund und versuchte zurückzurufen, doch beim ersten Versuch kam nur ein Krächzen heraus.

“Ist alles in Ordnung?”

“Ja, ich komme gleich.” Beim zweiten Versuch schaffte er es, seiner Stimme einen normalen Klang zu geben.

“Ok, wir sind unten beim Frühstück.”

Das war ein weiteres Indiz, das für einen Traum sprach, denn augenscheinlich war seine Anwesenheit wirklich bekannt in diesem Haus. Auch seine Stimme hatte nicht für Verwunderung gesorgt, und die Frau kannte seinen Namen.

Solcherlei konnte nur in einem Traum passieren.

Er zog sich an, Jeans, Karohemd und Stiefel.

Wo war nur das Bad? Er sehnte sich nach einer Dusche.

Behutsam öffnete er die Tür von “seinem” Zimmer und steckte den Kopf hinaus. Kein Mensch war zu sehen. Er stand jetzt in einem Flur, von dem mehrere Türen abgingen. An einer war auch das bekannte WC-Zeichen.

Erleichtert betrat er das Bad und schloss hinter sich ab. In einer Ecke auf einem kleinen Schränkchen entdeckte er zu seiner großen Freude sein Duschzeug, Deo, Rasierer und ein frisches Handtuch.

Auch im Traum wollte er sauber und gepflegt sein.

Als er gerade unter der Dusche stand, hämmerte es draußen an die Tür, und ein Mädchen rief, dass er sich gefälligst beeilen solle, weil andere auch noch ins Bad wollten.

Verdutzt stellte er das Wasser ab. Die Stimme kam ihm bekannt vor, er konnte sie nur nicht einordnen.

“Ich bin ja schon fast fertig”, schrie er.

Woher kannte er nur diese Stimme? Sie gehörte keinem Mädchen aus seinem Bekanntenkreis, da war er sicher. Genauso sicher war er aber auch, dass er sie in letzter Zeit oft gehört hatte.

Schnell trocknete er sich ab und zog sich wieder an.

Mittlerweile musste er feststellen, dass er den realsten Traum seines Lebens erlebte, aber sein Hirn weigerte sich zu akzeptieren oder auch nur in Betracht zu ziehen, dass es unter Umständen gar keiner war.

Als er die Tür öffnete und die Besitzerin der ihm so bekannten Stimme sah, traf ihn fast der Schlag.

Und plötzlich erkannte er auch die Stimme der Frau, die vorhin an seine Tür geklopft hatte.

Vor ihm stand Buffy. Und die andere Frau war Joyce.

Warum träumte er von der Vampirjägerin aus einer Fernsehserie, die er zwar recht gerne sah, die aber dennoch keinen allzu großen Stellenwert in seinem Leben hatte?

Träumte er wirklich?

Ihm wurde schwindlig, und er musste sich mit der Hand am Türpfosten festhalten.

Er wusste nicht, was er tun sollte. Es gab zu viele Einzelheiten für einen Traum. Er spürte die Maserung des Holzes, auf dem seine Hand lag, er roch den Duft von frisch gebrühtem Kaffee, der durch das Haus zog. Der Stoff seiner Jeans fühlte sich rau unter seinen Fingerspitzen an, und sein sehr kurzes Haar war noch feucht vom Duschen.

Aber wenn es kein Traum war, dann befand er sich in einer Fernsehserie.

Diese Lösung erschien ihm auch nicht sonderlich realistisch.

Es war unmöglich, dass man plötzlich in einer Serie aufwacht. Völlig unmöglich.

Seine Gedanken rasten.

Buffy schaute ihn besorgt an.

“Ist alles in Ordnung mit dir?” fragte sie und legte ihre Hand auf seine Schulter.

“Mir geht es gut”, murmelte er. Schließlich konnte er schlecht sagen, dass er befürchtete wahnsinnig zu sein oder einen ganz schlechten Trip erwischt zu haben, weil er vermutete, dass er sich in einer Fernsehserie befand.

Immer mehr verdichtete sich sein Verdacht, dass es kein Traum sein konnte, Träume waren nicht so.

Buffy schaute ihn an. Und er konnte sehen, dass es Buffy war, eine Person, die nicht real war, die es nur in einer Fernsehserie gab. Sie wirkte nicht wie ein Protagonist in einem Traum sondern wie ein realer Mensch, ein Mensch, der sich Sorgen um ihn machte, weil er immer noch mit bleichem Gesicht an die Wand gelehnt dastand.

Das war viel zu real für einen Traum.

Panik überflutete ihn, und er fing an, sich ins Gesicht zu schlagen.

“Ich will aufwachen, das kann doch alles gar nicht sein”, schrie er.

Mit Gewalt musste Buffy seine Hände festhalten, sonst hätte er sich vielleicht noch ernsthaft verletzt.

“Ich bin wach, ich bin wirklich wach”!

“Natürlich bist du wach, aber anscheinend nicht gut drauf. Oder beginnt man bei dir zu Hause so einen Tag?” Buffys flapsige Stimme brachte ihn kurz zur Besinnung.

“Bist du krank? Sollen wir einen Arzt rufen?”

“Genau, ich brauche einen Irrenarzt, denn ich denke, dass ich in einer Fernsehserie bin!”

Jetzt war es raus. Buffy starrte ihn ungläubig an.

“Was hast du gesagt?”

Sie dirigierte ihn die Treppe hinunter in die Küche und zwang ihn, sich zu setzen, dann drückte sie ihm eine Tasse Kaffee in die Hand. Als Joyce den Kopf durch die Tür steckte, bat Buffy sie, sie für ein paar Minuten alleine zu lassen.

“Und nun erzähl.”

Und er erzählte.

Buffy hörte ihm aufmerksam zu

“Moment, du willst mir sagen, dass du bis eben gar nicht hier warst? Du bist schon seit einer Woche da. Vor einer Woche haben wir dich am Busbahnhof abgeholt. Seit Monaten reden wir von deinem Besuch, es war lange geplant, dass du über Weihnachten zu uns kommst, weil deine Eltern ihre zweiten Flitterwochen erleben wollen. Und sie wollten nicht, dass du über die Feiertage alleine bist, also haben sie meine Mom gefragt.

Und was meinst du damit, dass wir in einer Fernsehserie sind?”

“Ich verstehe überhaupt nichts. Gestern war ich noch zu Hause, jetzt bin ich hier. Ich kenne euch nicht, ich meine, ich kenne euch schon, weil ihr im Fernsehen seid, aber ihr kennt mich nicht. Und meine Eltern sind bestimmt nicht in den Flitterwochen. Außerdem, warum sollten sie sich Sorgen machen? Wir feiern schon seit Jahren nicht mehr gemeinsam Weihnachten.”

“Was meinst du mit der Fernsehserie?” fragte Buffy noch mal ungeduldig.

“Bei uns gibt es eine Fernsehserie, die Buffy – The Vampire Slayer heißt. Und du bist eben diese Buffy. Du jagst Vampire und Dämonen. Und helfen tun dir dabei Willow und Xander, manchmal auch Cordelia. Jetzt aber eher nicht mehr. Oz gibt es auch noch. Aber ihr seid Schauspieler, die diese Rollen spielen. Die Monster sind nicht echt.

Ihr habt viele Fans, die jede Woche vor dem Fernseher sitzen, um eure Abenteuer weiterzuverfolgen. “

Buffy schaute ihn mit großen Augen an.

“Ja, das ist mein Leben. Aber unsere Vampire sind real, und ich bin auch real. Wie kann das sein, dass du mich anders kennst?” Sie brach verwirrt ab.
“Irgend etwas stimmt hier nicht, da hast du Recht. Und es hat etwas mit dir zu tun. Aber ich glaube dir. Mag sein, dass mit dir was passiert ist, dass das Leben, an das du dich erinnerst nicht real ist, dass ein Fluch oder Zauber auf dir liegt. Was immer es auch ist, ich werde es herausfinden.
Wir gehen jetzt in die Schule und erzählen Giles alles. Er wird wissen, was zu tun ist.”

Sie schaute Olli an.

“Ich kann mir vorstellen, dass du jetzt ziemlich durcheinander bist. Und ich bin wirklich gespannt auf dein bisheriges Leben und was du noch so alles von mir weißt. Irgend etwas ist faul, denn ich habe dir nie von meiner Identität als Vampirjägerin erzählt.”

Joyce kam wieder in die Küche.
“Kinder, ihr müsst los, sonst kommt ihr zu spät. Ich fahre euch schnell.”

Buffy nahm Martin rasch zur Seite.
“Erzähle bloß nicht davon in ihrer Gegenwart. Sie würde es nicht verstehen und sich unnötig Sorgen machen.”

Auf dem Weg zur Schule machten sich seine Gedanken wieder selbständig.
Warum nur musste ihm immer so etwas passieren? Die vielen Umzüge in den letzten Jahren hatten ihm schon das Gefühl eingebracht, bei einem Wanderzirkus angestellt zu sein, dann der Umzug im letzten Jahr in das Haus, der auf jeden Fall richtig war, aber auch finanzielle Probleme und Stress mit sich gebracht hatte, der Ärger auf der Arbeit, und jetzt verschlug es ihn auch noch in eine Fernsehserie.
Noch immer konnte er nicht aufhören, sich Gedanken darüber zu machen, wie er in diese Situation geraten konnte. Einerseits wusste er, dass ihm diese Grübelei nichts brachte, aber andererseits konnte er es auch nicht abstellen.

Erst Joyces Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

“Was war denn vorhin los in der Küche? Habt ihr Geheimnisse? Buffy, ist da etwas, was ich wissen sollte? Ich hoffe doch sehr, es hat nicht wieder was mit diesen… du weißt schon zu tun.”

“Nein Mom, es ist nichts. Wir haben über ein uhm… Schulprojekt gesprochen.”

Buffys Stimme klang leicht genervt, aber auch resigniert. Ihre Mutter würde nie verstehen, was es bedeutete, eine Vampirjägerin zu sein.

Joyce schien sich mit der Antwort zufrieden zu geben, vielleicht auch, weil sie vor der Schule angelangt waren. Es klingelte gerade, war also höchste Zeit, zum Unterricht zu gehen. Nur wenige Schüler eilten noch in das große Gebäude.

Mit gemischten Gefühlen stieg Martin aus dem Auto und folgte Buffy zum Klassenzimmer.
Ihm war klar, dass ihn wahrscheinlich alle kennen würden. Alleine durch seine Optik sorgte er schon für Aufmerksamkeit, und anscheinend war er ja schon eine Woche da, auch wenn er sich nicht daran erinnern konnte.
Und so wurde er auch im Klassenraum von mehreren ihm völlig unbekannten Menschen begrüßt, die ihn anscheinend bestens kannten, aber er wusste nicht einmal ihre Namen.
Zum Glück flüsterte ihm Buffy die wichtigsten Informationen zu.
Ohne sie hätte er kaum gewusst, welches sein Platz war.

Es war ein seltsames Gefühl, wieder in einer Schule am regulären Unterricht teilzunehmen. Immerhin war schon lange her, dass er den Ausführungen eines Lehrers zugehört hatte.
Und schon nach einer Stunde merkte er, dass er es absolut nicht vermisst hatte, denn er wurde immer müder.
Er verspürte das Bedürfnis nach einem Kaffee oder einer Zigarettenpause, schon aufstehen und herumlaufen würde helfen.
Wie hatte er nur 13 Jahre Schule und eine Ausbildung überlebt, wenn man da zu ständigem Stillsitzen verdonnert war?

Doch auch diese Tortur ging vorbei, und schon beim ersten Klingeln sprang er auf und stürmte aus dem Raum.

Im Gang bei den Schließfächern tummelten sich Hunderte von bunt gekleideten Schülern, die Mädchen in kurzen Röcken oder engen Hosen mit knappen Oberteilen, die Jungen in modischen Hosen und Shirts mit bekannten Labeln.
Alle waren sie dem aktuellsten Trend entsprechend angezogen, alle sahen sie gleich aus. Überall nur hübsche, nichts sagende Gesichter unter sorgfältig frisierten Haaren.
Wie ein bunter Hund fiel er auf mit seinen schweren Stiefeln und der Jeans. Aber eigentlich gefiel ihm das.
Beifällig strich er mit der Hand über seine pink gefärbte Strubbelfrisur und starrte die Schüler, die ihn abfällig musterten, ungeniert an, bis sie verlegen zur Seite blickten.

Andere hätten sich vielleicht unwohl gefühlt zwischen all den schönen Menschen, aber er nicht.
Er war sich bewusst, dass er nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprach, aber er wollte auch nicht magersüchtig und geschniegelt sein, er gefiel sich so wie er war viel besser. Vielleicht einen Tick zu korpulent, aber immerhin eine individuelle Persönlichkeit und nicht in eine Schablone gepresst.

Buffy war ihm gefolgt. Sie zeigte ihm die Toiletten und den Standort der wichtigsten Räume, außerdem sagte sie ihm die Namen der Schüler, die sie beide grüßten und erklärte ihm, woher er die Leute kannte.

Die Schule sah genauso aus, wie er sie aus dem Fernsehen kannte, auch viele der vorbei eilenden Schüler kamen ihm bekannt vor, anscheinend waren sie als Statisten schon häufiger in der Serie aufgetaucht.

Mittlerweile war er etwas ruhiger geworden. An der aktuellen Situation ließ sich spontan nichts ändern, also versuchte er, das Beste daraus zu machen.
Über Modepüppchen konnte er sich schon immer amüsieren, also tat er das auch jetzt.
Und wenn das hier eine Fernsehserie war, dann galten auch die Regeln einer solchen.
Eine dieser Regeln besagte, dass dem unschuldigen Opfer immer geholfen wurde. Und Freunden von Buffy passierte auch nicht.

Ok, Jenny war von Angelus umgebracht worden, aber sie war auch nicht mehr unschuldig nach ihrem Verrat.

Aber Giles hatte in allen bisher gelaufenen Folgen eine Lösung parat, und Willow hatte sogar Angel seine Seele zurückgegeben, also würden sie auch ihm helfen können.
Wobei sie natürlich im Moment genug eigene Probleme hatte, wenn er an Xander und Oz dachte.
Aber Willow half immer, das war ein netter Teil ihrer Persönlichkeit.
Als er an Oz dachte rumorte es kurz in seinem Hinterkopf, so als hätte er etwas wichtiges vergessen. Und war da nicht auch noch etwas mit Willow?
Bevor er sich aber intensiver mit diesem Gedanken beschäftigen konnte, hörte er plötzlich seinen Namen.

„Hey Martin“, rief jemand hinter ihm.
„Hey, warte doch mal“

Er drehte sich um und blickte in ein ihm völlig unbekanntes Gesicht.
Auch Buffy konnte ihm nicht helfen, wie ihm ihre ratlose Mine zeigte.

„Hi“, sagte er vorsichtig und wartete ab.

„Mann, was’n los mit dir? Ich schrei hier rum, und du reagierst nicht mal.“

Übergangslos wechselte er das Thema.

„Hast du an die CD gedacht?“

„Die CD, ja…“
Was sollte er nur antworten?
Wer zur Hölle war der Typ überhaupt?

Zum Glück kam ihm Buffy zu Hilfe.

„Verdammt Martin, wir sind spät dran. Nun steh hier nicht rum und quatsche, das kannst du doch später noch machen.“

Sie zerrte an seinem Ärmel.

„Sorry Mann“, sagte er und verdrehte genervt die Augen, während er Buffy am liebsten abgeknutscht hätte.
Gespielt widerwillig ließ er sich von ihr wegzerren.

„Einer schönen Frau sollte man nie widersprechen.“

„Puh, das war knapp“, seufzte er erleichtert nachdem er Buffy in die Bibliothek gefolgt war.

„Aber was tun, wenn ich ihm wieder begegne? Der Typ hält mich doch für völlig bekloppt.“

„Mach dir keine Sorgen, das finden wir schon noch heraus. Und jetzt suchen wir Giles und Willow.“

Plötzlich wurde ihm bewusst, wo er sich gerade befand.
Die Bibliothek.
Er kam sich vor wie ein Tourist, der einen real existierenden Ort besuchte, der als Filmkulisse genutzt wurde.
Nur dass bei ihm auch die Schauspieler echt waren.
An Buffy hatte er sich schon fast gewöhnt, aber jetzt wurde es ihm doch wieder zu viel.

Er war zum ersten Mal in seinem Leben hier, und doch war ihm alles vertraut.
Die Regale, die langen Reihen verstaubter Bücher.
Dort war der Meister aufgetaucht, und da war die Treppe, auf der Xander verzweifelt versucht hatte Buffy davon abzuhalten, ihren Trenchcoat zu öffnen, hinter ihm war die Schwingtür mit den zwei runden Scheiben, und hinter der nächsten Ecke würde bestimmt gleich…
Ja, da erschien er tatsächlich.

Rupert Giles.

Der Wächter.

Einer seiner Lieblingscharaktere aus der Serie.

Und hinter ihm.

Seine Traumfrau.

Willow.

Unvermittelt schlug sein Herz schneller, und seine Hände wurden feucht.
Er wusste so viel von ihr, und sie…
Mochte sie ihn?
Wie hatte er sich in der letzten Woche ihr gegenüber verhalten, der Woche, an die er sich nicht erinnern konnte?
Hatte er sich zum Narren gemacht, hielt sie ihn für einen Idioten?
Er riss sich zusammen.
Wenn er sie weiter so anstarrte, dann würde sie es bestimmt bald tun.

Giles ging direkt auf Buffy zu und nickte Martin freundlich zu.

„Buffy…, gut, dass du hier bist. Uhm…, ich würde gerne etwas mit dir besprechen. Wegen der Bücher, uhm…, du…“

„Ist schon gut“, unterbrach Buffy ihn.
„Martin weiß bescheid. Wir können ganz offen reden.“

„War das …uhm… schlau?“

Er nahm seine Brille ab und putzte sie.

„Es sollte nicht jeder über dich bescheid wissen.“

Er setzte die Brille wieder auf und schaute Martin etwas misstrauisch an.
Der junge Mann wohnte schon seit einer Woche bei seiner Jägerin, aber er konnte ihn nicht einordnen.
Etwas war seltsam an ihm.

„Ich habe ihm nichts gesagt, er hat alles alleine herausgefunden. Sozusagen. Aber er hat ein Problem.”

Willow war näher gekommen und hörte interessiert zu.

„Was meinst du damit?“

Sie mochte Martin, vielleicht lag das daran, weil er sie mochte. So wie sie war.
Ihr Selbstbewusstsein war zwar gestiegen in den letzten zwei Jahren, aber tief in ihr drin steckte immer noch das verschüchterte Mädchen, das sich von Cordelia von einer Bank vertreiben ließ.
Dennoch spürte sie instinktiv, dass er sie auch damals gemocht und akzeptiert hätte.
Seine Optik signalisierte zwar deutlich, dass ihm egal war was andere von ihm dachten, aber sein Verhalten zeigte ihr, dass ihm die Menschen in seiner Umgebung nicht gleichgültig waren.

Manchmal erinnerte er sie ein wenig an Xander.
Zumindest an den Xander, mit dem sie nur befreundet war.
Eigentlich sollte sie jetzt nicht daran denken, dennoch…
Martin war lieb und gutmütig, wenn er nicht weiter wusste kam zumindest ein blöder Spruch. Seine Freunde ließ er bestimmt nie im Stich, und er machte den Eindruck, als könnte er fest zuhauen.
Wenn er musste.
Eigentlich wäre er ein guter Scooby, und es war schade, dass er nach Weihnachten wieder nach Hause fuhr.

Aufmunternd lächelte sie ihn an.

Er wirkte irgendwie verstört.
Lag es daran, dass er das mit Buffy herausgefunden hatte?
Wie hatte das überhaupt passieren können?
Sie hatten sorgfältig darauf geachtet, ihn aus allem herauszuhalten, denn sein kurzer Aufenthalt in Sunnydale sollte nicht von der Jagd auf Vampire überschattet werden.
Außerdem würde Mrs. Summers sie umbringen, wenn dem einzigen Sohn ihrer ältesten Freundin etwas zustoßen würde.
War er vielleicht einem Vampir begegnet?
Hatte Buffy ihm geholfen, und wurde er dann neugierig?

„Was ist passiert Buff?“ wiederholte sie ihre Frage.

„Das sollte Martin wohl besser selbst erzählen. So ganz habe ich es selbst noch nicht kapiert.“

Martin schaute sich etwas hilflos um.

„Ich muss mich erst einmal setzen“, sagte er, ging zu den Tischen und ließ sich auf einen Stuhl fallen.
Er schaute sich intensiv um, kniff sich in den Arm, schlug die Hacken zusammen, aber die Umgebung veränderte sich nicht.
Dafür starrten ihn jetzt zwei Gesichter erwartungsvoll an, eins davon sogar ungeduldig.
Buffy zwinkerte ihm zu.

„Sie werden dir schon glauben.“

Sie nahm sich auch einen Stuhl.

Er wusste nicht so recht wie er beginnen sollte, es klang doch zu unglaubhaft, was er zu erzählen hatte.
Andererseits waren das Buffy, Willow und Giles vor ihm, und sie hatten schon ganz anderes erlebt.

„Nun“, er räusperte sich.

„Ich bin eindeutig falsch hier.“

Umständlich kramte er ein Taschentuch aus der Hosentasche und schnaubte sich die Nase.

„Wie falsch?“ fragte Willow.

„Bitte unterbrecht mich nicht, sonst wird es noch schwerer für mich.“

Er vermied es, einem von ihnen in die Augen zu sehen und begann seinen Bericht.

„Ich bin gestern ganz woanders ins Bett gegangen als ich heute aufgewacht bin. Ich weiß, dass das seltsam klingt, weil ich für euch schon eine Woche da bin, aber gestern war ich noch zu Hause. Aber das ist nicht das merkwürdige…, wie soll ich es sagen…, ihr seid eine Fernsehserie.“

Er stockte kurz und wartete auf die ungläubigen Ausrufe, aber er wurde nur weiterhin erwartungsvoll angeschaut.
Willow hatte sich in der Zwischenzeit auch hingesetzt, und Giles lehnte an einem Bücherregal.
Seine Brille war mal wieder in der Hand und nicht auf der Nase.
Da bisher kein Protest gekommen war, fuhr er mutig fort.

„Ich kenne euch alle, denn da wo ich herkomme gibt eine Fernsehserie. Sie heißt ‚Buffy The Vampire Slayer’ und ist ziemlich beliebt. Ihr seid die Leute aus der Serie, daher weiß ich auch, dass Buffy eine Jägerin ist, denn ich habe alles auf der Mattscheibe gesehen. Das ist auch der Beweis, dass ich nicht spinne, ich weiß viel mehr als ich wissen könnte, wenn ich nur ganz normal zu Besuch wäre. Und noch was, ich bin schon über 30 und gehe schon lange nicht mehr zur Schule.“

Seltsamerweise löste seine letzte Bemerkung mehr Protest aus als der Rest.

„Wie kannst du schon über 30 sein, das hätten wir doch gemerkt?“ fragte Willow empört.

„Fernsehserienlogik“, antwortete Martin nur trocken.
„Die Schauspieler, die euch spielen sind auch älter als ihr. Ihr seid alle über 20, Cordelia bzw. Charisma Carpenter, wie die Schauspielerin heißt, ist sogar schon um die 30.“

„Was für ein bekloppter Name“, warf Buffy amüsiert dazwischen.
„Aber passt irgendwie zu unserer Cordy.“

„Ich bin schon Mitte 20? A-aber ich sehe nicht so aus wie Mitte 20 und Buffy auch nicht. Und Xander, ist der auch schon so alt, und Oz und alle anderen an der Schule.“

„Es steht im Drehbuch, dass ihr 18 oder 17 seid, und deswegen seht ihr euch auch in dem Alter. Das was im Drehbuch steht ist euer Leben, eure Realität.“

„Du meinst also, dass wir Protagonisten einer Serie sind, in die du jetzt zufällig hineingeraten bist? Uhm…, habe ich das richtig verstanden?“

Giles ruhige Stimme unterbrach das Wirrwarr der Stimmen.

„Ja, so ist es. Ich weiß ja selber wie verrückt sich das anhören muss.“

„Das tut es in der Tat, aber… uhm…, du sagtest du hättest Beweise?“

Giles hätte sich zwar nicht vorstellen können, warum sich jemand eine derart absurde Geschichte ausdenken sollte, aber er war doch neugierig auf das, was der Junge, der Mann zu erzählen hatte.
Vielleicht gab es ja eine ganz einfache Lösung der Geschichte, Amnesie, ein besonders realistischer Traum, ein Schock…
Doch wenn er tatsächlich Details aus ihrem Leben kannte, die ihm nicht bekannt sein durften, dann standen sie vor einem ernsthaften Problem.

Martin überlegte was er als Beweis anführen konnte.
So genau kannte er die Serie nun auch wieder nicht, und er hatte Probleme, sich Details zu merken.
Aber dann fiel ihm doch noch etwas ein.

„Ich war dabei als das mit Willow und Xander begann. Willow hatte Kleider anprobiert und sie Xander vorgeführt. Ganz zum Schluss zog sie das schwarze an, sie haben getanzt, und dann…“

Er brach ab, als er Willows betretenen Gesichtsausdruck bemerkte.

„Tut mir leid, das war wohl kein gutes Beispiel. Ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen, dass ihr real seid.“

„Ist schon in Ordnung Martin.“

Außer Xander konnte ihm niemand davon erzählt haben.
Bisher hatte sie noch gehofft, dass Martin sich irrte, der Gedanke, Teil einer Fernsehserie zu sein war doch zu unheimlich.
Schauten gerade jetzt überall in seiner Welt Leute auf ihren Bildschirm und hörten ihrem Gespräch zu?
Das behagte ihr ganz und gar nicht.

„Ich habe auch gesehen wie Buffy beim Meister in der Höhle war und wie sie mit Angel gekämpft hat…, aber das ist wohl auch kein gutes Beispiel.“

Wie sollte er ihnen nur begreiflich machen, dass er die Wahrheit sprach.
Plötzlich fiel ihm etwas ein womit er Giles bestimmt überzeugen konnte.

„Als Ethan diese Schokolade in Sunnydale in Umlauf brachte, damit der Bürgermeister den Tribut an den Dämon zahlen konnte, da waren sie doch mit Mrs. Summers unterwegs und haben den Polizisten…“, er sah Giles an.
Zum Glück hatte er daran heute Morgen nicht gedacht als er Buffys Mutter gesehen hatte.

„Schon gut“, unterbrach Giles ihn hastig.

„Wir glauben dir.“

Von dieser peinlichen Episode mussten Buffy und Willow nun wirklich nichts hören.
Buffy wusste nichts davon, dass er und ihre Mutter…
Und hoffentlich würde sie es nie erfahren.

„Die Geschichte ist wahrhaftig merkwürdig, aber uhm…, wir werden schon eine Lösung finden.

„Noch etwas ist seltsam“, fiel Martin spontan ein.

„Die Sprache… Ich bin nämlich kein Amerikaner, ich bin aus Deutschland. Ich verstehe englisch zwar gut, aber ihr redet nicht so als müsste ich noch übersetzen. Ich höre euch sozusagen synchronisiert. Aber so synchronisiert, dass ich wirklich das höre was ihr sagt und nicht das, was sich ein Übersetzer ausgedacht hat. Und ihr versteht mich ja auch, also rede ich für euch englisch, aber das tue ich eigentlich nicht. Versteht irgend jemand was ich sagen will?“

„Nein, tue ich nicht, aber das ist normal“, ertönte von hinten eine bekannte Stimme.

„Hallo Xander“, begrüßte Willow den Neuankömmling verlegen, und Buffy grinste ihn nur an.

„Was ist denn los, und warum sprechen wir synchronisiert?“

Xander nahm sich ebenfalls einen Stuhl und setzte sich möglichst weit von Willow entfernt hin.

„Draußen hat mich übrigens Mick angequatscht und gefragt, ob alles klar bei dir ist? Du warst vorhin so seltsam.“

„Wer ist Mick?“ fragte Martin.

„Oookayyy“, sagte er gedehnt.
„Du bist merkwürdig… Mick ist der Typ, mit dem du schon die ganze Woche rumhängst. Ihr hört beide so seltsame Musik und unterhaltet euch über Klamotten und so. Du erinnerst dich?“

„Nein, eigentlich nicht. Genau das ist ja das Problem.“

Xander starrte ihn nur verständnislos an.
„Kannst du es vielleicht so erklären, dass es auch ein Idiot wie ich versteht?“

„Lass Martin in Ruhe.“, unterbrach ihn Willow.
„Er hat es gerade nicht so einfach.“

„Eigentlich trifft das auf uns alle zu.“
Giles ruhige Stimme erklang, und alle hörten ihm zu.
„Fassen wir also zusammen.“

Er setzte seine Brille auf und schaute einen nach dem anderen aus der Gang an.
„Du warst gestern noch zu Hause, heute bist du in Sunnydale aufgewacht. Anscheinend kommst du aus einer anderen Welt in der wir die Protagonisten einer Fernsehserie sind. Wer denkt sich nur so etwas aus?“
Er räusperte sich kurz.

„Du kannst dich an dein altes Leben erinnern, und uns kennst du aus dem Fernsehen, trotzdem bist du für uns schon seit einer Woche da, und deine Mutter ist mit Buffys Mutter befreundet. Das mit dem Alter und der Sprache lassen wir mal beiseite, es klingt auch so schon uhm… kompliziert genug.“
Er nahm seine Brille ab und reinigte sie geistesabwesend.

„Du stehst also entweder unter einem Zauber, und das Leben, uhm…, an das du dich erinnerst, existiert gar nicht, oder du kommst aus einer Parallelwelt und hast mit deinem Ich in dieser Welt getauscht. Das würde ziemlich viel erklären. Nur das mit der uhm… Fernsehserie nicht.“
Man merkte ihm an, dass ihm der Gedanke, nur ein Schauspieler zu sein, gar nicht behagte.

„Wie Fernsehserie?“
Xander konnte es nicht lassen und musste sich einmischen.
„Was hat das Fernsehen damit zu tun?“

„Ihr spielt in dieser Fernsehserie mit, also ihr seid die Serie, ihr existiert gar nicht außerhalb der Serie. Da gibt es nur die Schauspieler, die euch in der Serie spielen.“

„Häh?“

Es wurde nicht weniger merkwürdig, je öfter Martin es aussprach, aber er verspürte zumindest nicht mehr das Bedürfnis, sich mit Gewalt aus diesem Traum zu befreien. Denn dass es kein Traum war, war ihm im Laufe des Vormittags endgültig klar geworden.
Er ignorierte Xanders Ausruf und fuhr einfach fort.
„Giles hier heißt in Wirklichkeit Anthony Stewart Head, Tony nennt ihn meine…“
Er stockte.
Was hatte er eben sagen wollen?
Es war so schnell wieder verschwunden, aber es hinterließ ein ähnliches Gefühl wie vorhin der Gedanke an Oz.

„Tony?“
Buffys Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.
„Das gefällt mir.“

Giles Gesichtsausdruck machte deutlich, dass er das anders sah.

„Ich denke nicht, dass es eine Rolle spielt, wie wir in deiner Welt heißen“, sagte er und warf Buffy einen missbilligenden Blick zu, den sie wie gewöhnlich nicht beachtete.

Xander erweckte noch immer nicht den Eindruck, dass er verstand was vor sich ging. Aber Willows Gesicht war anzusehen, dass ihr Gehirn auf Hochtouren arbeitete.
„Es gibt doch bestimmt Bücher zu dem Thema, Giles. Oder soll ich im Internet suchen? Parallelwelten…, vielleicht gibt es einen Dämon.“
Sie war bereits völlig in ihre Welt versunken.

Martin ließ sich auf einen Stuhl fallen, stütze die Ellbogen auf den Tisch und vergrub sein Gesicht in den Händen. Er bemerkte gar nicht, wie sich Buffy neben ihn setzte und ihre Hand auf seinen Arm legte.

„Du weißt doch am besten wie gut Willow ist. Sie findet einen Ausweg.“

„Tara konnte sie nicht helfen.“

Der Satz war schneller aus seinem Mund gekommen als er denken konnte, und verwirrt richtete er sich auf.

„Wer ist Tara?“
Buffy schaute ihn neugierig an.

„Keine Ahnung, aber eben wusste ich es noch.“

Xander setzte sich auf seine andere Seite, aber Martin konnte nicht still sitzen, sprang deshalb auf und begann, im Raum hin und her zu laufen.

„Das gibt es doch nicht. Liege ich im Koma und habe seltsame Träume? Einen Moment ist ein Gedanke da, im nächsten ist er weg. Ich habe keine Erfahrung damit, Leute aus Serien plötzlich leibhaftig vor mir stehen zu haben…, und Tara ist Willows Freundin.“

Den letzten Satz hatte er lauter herausgebracht, und ihm war gar nicht bewusst, wie er angestarrt wurde.
„Sie ist Taras Freundin an der Uni, und Oz ist weg.“

Willow legte das Buch beiseite, in dem sie eben noch geblättert hatte und kam zu ihm.

„Was ist mit Oz?“

Selbst Giles kam neugierig näher.

„Ich erinnere mich daran, wie ihr auf der Uni seid, Oz und Willow sind nicht mehr zusammen, dafür gibt es Tara.“

Er bemerkte den Schmerz in Willows Gesicht nicht, aber Buffy sah ihn und umarmte ihre Freundin tröstend.

„Ist das unsere Zukunft? Was ist mit mir? Bin ich reich und berühmt und fahre ein schnelles Auto?“ fragte Xander schnell, um von Oz abzulenken.

„Um genau zu sein ist das eure Vergangenheit. Mir ist es gerade wieder eingefallen.“
Er sah hoch, und sein Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes ahnen für ihre Zukunft.
„Die Serie ist bereits zu Ende, alles ist vorbei. Ich befinde mich gerade in eurer Vergangenheit. Das ist so, als würde man eine Folge aus einer alten Staffel gucken und genau wissen wie es weiter geht. Oh Gott.“

„Wird es schlimm?“
Willow flüsterte fast.

Giles räusperte sich.
„Das ist für den Moment nicht…“

„Wird jemand von uns sterben?“
Willow unterbrach ihn und sah Martin aus rot geränderten Augen an.

Er brachte es nicht übers Herz, ihr ausgerechnet jetzt von Tara zu erzählen, von Buffys Tod und Widerauferstehung, von Joyce und dem ganzen Schmerz, der noch vor ihnen lag.
Daher schüttelte er nur den Kopf.

„Ich kann mich nicht an Details erinnern. Alles ist ziemlich verschwommen. Und ich möchte jetzt auch nichts Falsches berichten.“

„Wie ich eben schon sagte. Das ist für den Moment nicht wichtig.“
Giles kam ihm zur Hilfe.
„Kümmern wir uns lieber um das momentane Problem. Ist Martin wirklich aus einer anderen Welt, dann soll er auch dorthin zurückkehren können. Oder er steht unter einem Zauber, aber auch dagegen sollten wir etwas tun. Willow…, bitte recherchiere im Internet über Dämonen, die das Gedächtnis beeinflussen können. Xander und Buffy, ihr helft Martin, sich in dieser Welt zurecht zu finden. Ich lese derweil in einigen Büchern über Parallelwelten.“
Er setzte seine Brille auf und zog ein Buch aus einem Regal.

Willow hatte schon ihren Laptop angeschlossen und sich eingeloggt. Arbeit lenkte sie immer ab, und über Oz wollte sie jetzt nicht nachdenken. Es war nicht sicher, ob Martins Erinnerungen stimmten, und selbst wenn, dann lag das in der Zukunft und konnte verändert werden. Von diesen positiven Gedanken beflügelt rief sie eine Seite nach der nächsten auf.
Die Suche nach Dämonen machte ihr Spaß so lange sie den Kreaturen nicht gegenüber stand. Das war Buffys Job.
Aber ihre Hilfe war trotzdem wertvoll und hatte sie schon manches Mal gerettet.
Sie würde niemals so gut zuschlagen können wie die Jägerin, aber wenn sie an ihren Zauberkräften arbeitete, dann würde sie hoffentlich eines Tages genauso stark sein.

Martin tigerte immer noch in der Bibliothek herum. Buffy dirigierte ihn sanft in Richtung des Tisches und drückte ihn auf einen Stuhl.
Er hatte keine Chance.

Natürlich wusste er, dass die Jägerin stark war, immerhin schlug sie in jeder Folge jemanden zu Brei, aber es am eigenen Leib zu erfahren war irritierend.
Schließlich war sie so klein und schmal, und er war so groß und kräftig. Aber sie hatte ihn einfach geschoben, und er konnte sich nicht wehren.
Dabei war sie bestimmt vorsichtig gewesen, um ihn nicht zu verletzen, und ihm tat jeder leid, bei dem sie es nicht war.
Unbewusst massierte er seine Schulter und erntete dabei von Xander ein mitfühlendes Grinsen.

„Erklär mir das noch mal mit der Fernsehserie“, fragte er und setzte sich neben Martin.
„Du hast wirklich alles gesehen was mit uns passiert?“

Martin nickte.
„Zumindest, wenn eine Kamera darauf gerichtet war.

„Das ist ziemlich gruselig.“
Buffy schauderte.
„Ich will gar nicht wissen was du alles gesehen hast. Ansonsten müsste ich dich umbringen.“

Sie dachte an Angel und wie sie nach ihrer verdorbenen Geburtstagsparty bei ihm im Bett gelandet war, an ihre Sorge am nächsten Tag, als sie ihn nicht gefunden hatte und ihre Wut als sie ihn fand.
Voller Scham erinnerte sie sich an ihre Existenz als Kellnerin und dass sie beinahe aufgegeben hätte.
Auch für die vielen Streitgespräche mit ihrer Mutter wünschte sie sich keinen Zeugen und für ihren Kampf mit Angel, der seinen Tod zur Folge hatte erst recht nicht.
Gab es tatsächlich Leute, die das alles zusammen mit ihr erlebt hatten?
Was dachten die über sie? Kritisierten sie ihre Entscheidungen oder verstanden sie ihre Vorgehensweise?

„Buffy killt Vampire, und wir stolpern um sie herum. Das schaut sich tatsächlich jemand an?“
Xanders Frage unterbrach ihre Überlegungen, und ausnahmsweise war sie einmal dankbar dafür.
Sie wollte nicht darüber nachdenken, wie gut Martin sie kannte.
„Aber beim G-Man schalten doch bestimmt alle um.“
Xander grinste in Richtung des Bibliothekars.

„Ganz im Gegenteil. Er ist sogar sehr beliebt.“

„Unser Giles beliebt? Bei wem denn? Bei den Rentnern?“ fragte Xander belustigt.

„Bei den Frauen.“, antworte Martin. Wieder klingelte es in seinem Hinterkopf, und ein Gedanke versuchte, an die Oberfläche zu kommen. Aber er konnte ihn nicht packen.

Xander brach in schallendes Gelächter aus.
„G-Man als Frauenschwarm“, prustete er.

„Miss Calendar fand ihn anscheinend sehr attraktiv.“
Buffys Einwand ließ Xanders Lachen abrupt verstummen.
An die ehemalige Computerlehrerin wollte er jetzt nicht denken. Giles sprach nicht darüber, aber selbst Xander konnte sehen, dass er litt. Und Angels Rückkehr verbesserte die Situation nicht unbedingt.
Auch Buffy war das bewusst. Nicht umsonst hatte sie wochenlang verschwiegen, dass Angel aus der Hölle zurückgekehrt war. Wenn es nach Xander ging, dann hätte er dort bleiben sollen.
Aber das Leben hörte nur selten auf ihn.

Giles hatte in der Zwischenzeit in verschiedenen Büchern geblättert, aber die Suche nach Informationen verlief automatisch. Mit seinen Gedanken war er ganz woanders.
Martins Bemerkung darüber, dass er ihre Zukunft kannte, hatte ihn mehr beunruhigt, als er den anderen gestehen wollte.
Ein Blick in seine Augen hatte genügt, um Angst, Schmerz und Tod herauszulesen.
War es sinnvoll, darüber bescheid zu wissen? Könnte er dadurch die Zukunft ändern und verbessern? Oder war es vorherbestimmt, dass sie erleiden mussten, was ihnen bevorstand?
Würde es nur ihre Arbeit behindern und ihre Entscheidungen in Frage stellen?
Er würde alles dafür tun, um seiner Jägerin Leid und Kummer zu ersparen, aber er war Realist genug um zu wissen, dass das Leben der Jägerin von Schmerz geprägt war.

Trotzdem hatte es in der Vergangenheit Situationen gegeben, in denen eine anders getroffene Entscheidung Leben gerettet hätte.
Jenny müsste nicht tot sein, wenn er nicht so stur gewesen wäre. Hätte er ihr zugehört, sich bemüht sie zu verstehen, dann wäre sie nicht alleine gewesen. Sie könnte noch am Leben sein.
Kendra wäre nicht von Drusilla ermordet worden, wenn Angelus Buffy nicht die Falle gestellt hätte.
Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Aber gewisse Dinge ließen sich nicht beeinflussen, und es wäre nicht gut, wenn Buffy davon wüsste.
Er würde mit Martin reden, und er musste die Entscheidung treffen.
Das war seine Pflicht als Wächter.

Die Schulglocke riss sie alle aus ihren Gedanken und Gesprächen und erinnerte sie daran, dass der Schultag nicht zu Ende war.
Willow klappte ihr Laptop zu, und Xander maulte über das vergessene Mittagessen.
Buffy zog Martin zu den letzten Unterrichtsstunden.
Nur Giles blieb alleine in der Bibliothek zurück.
Am Nachmittag würden sich alle treffen, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen.
Bis dahin wollte er etliche Theorien überprüfen.
Müde rieb er sich die Schläfen und widmete sich wieder seinen Büchern.

Von den nächsten beiden Stunden bekam Martin nicht viel mit.
Aber um gute Noten brauchte er sich keine Gedanken zu machen, denn er hatte nicht die Absicht, noch viel länger zu bleiben.
Aber was wäre, wenn keine Lösung gefunden wurde?
Sein Optimismus hatte stark nachgelassen, seitdem er sich an alles erinnerte.
Giles hatte nicht immer eine Lösung parat, und Willow konnte nicht immer helfen.
Ganz im Gegenteil.
Manchmal flippte die kleine Hexe auch aus und brachte Tod und Verderben.
Es war kaum vorstellbar, dass dieses sanfte Wesen einmal so mächtig sein würde, dass sie die Kraft hatte, die Welt zu zerstören.

Sein Entschluss war längst gefasst.
Er musste sie warnen. Er musste ihr die Gefahren der schwarzen Magie deutlich machen, und er wollte Tara retten.
Es reichte schon, wenn sie nicht am Fenster stand während der Schießerei.
Über Joyce würde er schweigen.
Buffy konnte ihrer Mutter nicht helfen.
Aber Dawn war wichtig. Das Wissen über Dawn könnte helfen, Glory zu besiegen. Und sie durften Ben nicht vertrauen.
Wenn er sich nur an mehr Details erinnern könnte. Aber es war immer nur eine Fernsehserie für ihn gewesen und daher nicht relevant.

Nach der letzten Unterrichtsstunde trafen sie sich bei Giles in der Bibliothek.
Und den Blicken, die sie Martin immer wieder zuwarfen, war anzusehen, dass sich alle mit dem Thema ‚Zukunft’ beschäftigt hatten.
Es herrschte eine bedrückte Stimmung, und die Andeutungen vom Mittag ließen Raum für viele Vermutungen.
Willow schloss schweigend ihr Laptop an, und selbst Xander hielt ausnahmsweise seine Klappe.
Martin setzte sich und schnaubte sich die Nase. In ihm arbeitete es.
Was sollte er erzählen, was besser weglassen?
Er räusperte sich und blickte seine neuen Freunde reihum an.

„Buffy. In der übernächsten Staffel wirst du plötzlich eine Schwester haben. Es wird so wirken, als wäre sie schon immer da gewesen, aber sie ist kein Mensch. Ich kann das nicht so gut erklären, aber du musst gut auf sie aufpassen. Sie ist nicht böse, und für sie bist du die große Schwester. Behandle sie gut.“
Vor seinem inneren Auge erschien das Bild, wie Buffy in den Tod stürzte, wie sie sich opferte, um Dawn und die Welt zu retten.
Das durfte nicht passieren.
Ohne diesen Sprung wäre Willow nicht gezwungen, mit der Magie zu experimentieren.
Wahrscheinlich würden Buffy und Spike auch nie ein Paar werden, aber das war zweitrangig.
Giles würde nicht verschwinden und Willow alleine lassen.
Das war alles was zählte.

„Willow. Im nächsten Jahr wirst du Tara kennen lernen. Ihr werdet sehr gute Freunde. Du wirst ihr immer vertrauen können. Höre auf sie, wenn sie dich warnt. Sie meint es nur gut.“
Das Willow und Tara mehr als Freunde sein würden ließ er aus. Und von dem tödlichen Schuss würde er nur Giles erzählen.
Der hatte ihn vor der letzten Unterrichtsstunde beiseite genommen und ihn gebeten, nur das Nötigste zu berichten. Die Details solle er nur ihm mitteilen.

„Xander. Du wirst eine Frau kennen lernen. Tu ihr niemals weh. Das könnte fatale Folgen haben.“

Er schnaubte sich wieder die Nase und überlegte kurz bevor er fortfuhr.

„Passt auf Faith auf.“
Leider wusste er nicht mehr, ob sie bereits für den Bürgermeister arbeitete. In der Hinsicht wäre er gerne hilfreicher gewesen.
„Sie wird euch verraten, aber noch kann man ihr helfen. Der Bürgermeister ist böse. Er ist der Hauptgegner dieser Staffel. Er war es, der den Auftrag gegeben hatte, die Babys zu opfern. Er will sich in einen Dämon verwandeln. Vernichtet ihn vorher. Aber Vorsicht, er ist unverwundbar. Oder wird es bald sein. Leider weiß ich das nicht mehr so genau.“

„Der Bürgermeister?“
Buffy schaute ihn verwirrt an.
Bisher hatten alle geschwiegen und ihm gelauscht.
„Bist du sicher?“

„Ja. Leider bin ich das. Am Graduation Day wird er sich in eine riesige Schlange verwandeln. Auf dem Bildschirm war das ein imposanter Anblick, aber in der Wirklichkeit solltet ihr das besser verhindern.“

Er wandte seinen Blick Willow zu.
„Willow, du wirst immer besser mit der Magie. Aber übertreibe es nicht. Es ist gefährlich. Glaub es mir.“
Er sah sie eindringlich an.

„I-ich werde besser?“ stotterte sie.
„Wie besser? So richtig gut?“
„Was ist das für eine Frau, die ich kennen lerne? Sieht sie gut aus?“
„Ich habe tatsächlich eine Schwester?“

Als wäre ein Damm gebrochen redeten plötzlich alle auf ihn ein.
„Für die nächste Zeit sind nur Faith und der Bürgermeister wichtig“, versuchte er, den Redeschwall zu durchbrechen.

„Martin, kommst du bitte kurz in mein Büro?“
Die Stimme des Wächters klang angespannt.
„Willow, ich habe dir ein Buch hingelegt. Kannst du etwas über einen Dämon namens Graz’zul herausfinden? Ich denke, dass er für Martins Erscheinen in Sunnydale verantwortlich ist.“

Martin stand auf und folgte Giles in das Büro am anderen Ende der Bibliothek. Er spürte die Blicke der Scoobys im Rücken, und er hoffte, dass seine Informationen ihre Zukunft verbessern würden.

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, ging sofort die Diskussion los.
„Wie kannst du plötzlich eine Schwester haben? Wir würden doch sofort misstrauisch werden. Sind wir verzaubert?“
„Ich tippe ja eher auf einen Zauber, wenn sich ein Mädchen für dich interessiert.“
Buffy puffte Xander in die Seite.
Willow blieb still und starrte auf den Bildschirm ihres Laptops.
Ihre Zauberkräfte würden sich also deutlich verbessern. Was sollte daran gefährlich sein? Aber Martin hatte so ernst geklungen. Und wer war Tara? Tara. Der Klang des Namens gefiel ihr. Sie würde bestimmt eine sehr gute Freundin sein.
Versonnen lächelte sie vor sich hin.

„Hey Will. Träumst du? Setz mal deine Zauberkräfte ein und finde etwas über den Dämon heraus.“
Xander fuchtelte mit den Händen vor Willows Gesicht herum.

Sie schreckte hoch und griff nach dem Buch.
„Graz’zul. Also ist wirklich ein Dämon Schuld.“
Sie las vor.
„Graz’zul schickt seine Opfer in eine Parallelwelt und ergötzt sich an ihren Bemühungen, in ihre eigene Welt zurückzukehren. Viele werden dabei verrückt oder bringen sich um. Er einverleibt sich dann ihre Seelen.“

„Ein Spaßvogel. Klasse. Steht dabei wie man ihn besiegen kann? Ist er hier irgendwo und beobachtet uns?“
Buffys Körperhaltung war angespannt und kampfbereit.

„Er beobachtet sein Opfer, muss dabei aber nicht anwesend sein. Hier steht nicht wie man ihn besiegen kann. Daher soll ich wohl im Internet suchen. Vielleicht gibt es neue Erkenntnisse.“
Sie legte das Buch beiseite und widmete sich ihrem Computer.
Aber bevor sie sich vertiefte, sah sie noch einmal hoch.
„Ich mag Martin und hätte es nicht schlimm gefunden, wenn er hier bliebe. Aber jetzt müssen wir ihn wohl retten.“

Ihre Finger flogen über die Tastatur, und sie konzentrierte sich völlig auf ihre Arbeit.
Xander und Buffy unterhielten sich über Faith.
Wie sollte man verhindern, dass sie auf die böse Seite wechselte?

In Giles Büro erzählte Martin Giles in der Zwischenzeit alles was er wusste.
Anfangs hatte er bei unangenehmen Details gezögert, doch Giles ermutigte ihn, nichts auszulassen.
Also beschrieb er, wie Buffy in den Tod sprang, auch wenn er den Schmerz in den Augen des Wächters sehen konnte. Er erklärte wer Dawn war, warum sie auf Anya aufpassen mussten und ließ auch Joyce Tumor nicht aus.
Dann kam er zu Willow und Tara. Er machte Giles klar, dass der auf keinen Fall Sunnydale verlassen dürfe, weil Willow ihn brauchte. Sie würde stark sein, viel zu stark, und sie würde Hilfe dabei brauchen, ihre Kräfte unter Kontrolle zu behalten.
Vielleicht konnte er nicht verhindern, dass sie sich der schwarzen Magie zuwandte, aber er könnte Tara retten und damit Willow den Grund nehmen, ihren Schmerz an der Welt auszulassen.

Endlich hatte der Wächter keine Fragen mehr, und Martin ging zurück in die Bibliothek.

Giles verstaute einen Zettel mit den wichtigsten Informationen in seiner Hosentasche und folgte Martin.
Vielleicht hatte Willow in der Zwischenzeit etwas gefunden.

Die Hexe saß vor ihrem Laptop, und Xander und Buffy saßen dicht neben ihr.
„Giles, ich habe etwas entdeckt“, rief sie, als sie den Wächter bemerkte.
„Martin setz dich. Wir wissen jetzt wie wir dich nach Hause bekommen.“

„Ich wusste, dass du etwas findest“, sagte er grinsend und schnappte sich einen Stuhl in ihrer Nähe.
„Ich hatte vollstes Vertrauen in deine Fähigkeiten.

Geschmeichelt von dem Kompliment suchte sie eifrig die richtige Stelle in dem langen Text auf ihrem Bildschirm.
Martin beobachtete sie dabei.
Das war seine Willow.
Die kleine, schüchterne, unglaublich hübsche Willow. Nicht die Hexe der späteren Folgen, die selbstbewusst durchs Leben ging.

Diese Willow hatte er immer am Liebsten gemocht. Hinter ihrer Unsicherheit verbarg sich ein starker Charakter, und es war immer sie gewesen, die alles zusammen hielt. Er bewunderte ihren Mut, trotz ihrer Schwächen niemals aufzugeben und für ihre Freunde durchs Feuer zu gehen.
Niemand traute sich, ihr zu widersprechen, wenn sie energisch wurde. Und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog sie es auch durch.
Leider wurde ihr diese Charaktereigenschaft zum Verhängnis, als es um die Magie ging.
Giles hatte sie immer gewarnt, aber sie wollte nicht auf ihn hören.
Bis es zu spät war.
Letztendlich hatte Xander sie im allerletzten Moment gerettet.
Kurz bevor es für die Welt keine Rettung mehr gegeben hätte.

„Was hast du herausgefunden?“
Giles setzte seine Brille auf und gesellte sich zu ihnen.

„Hier steht es.  Graz’ul hat Spaß daran, seine Opfer leiden zu sehen. Er amüsiert sich darüber, wie sie verzweifelt versuchen, ihr altes Leben wieder zu bekommen. Aber die Bemühungen waren in der Vergangenheit nicht immer vergeblich. Für diesen Dämon ist das Ganze ein Spiel, und er lässt seinem Gegner eine Chance. Er hat ihr Gedächtnis manipuliert und etwas gelöscht. Wenn sie sich daran wieder erinnern, dann können sie zurückkehren.“

„Das ist es also“, platzte es aus Martin heraus.
„Mir ist schon die ganze Zeit als hätte ich etwas vergessen, aber ich komme einfach nicht darauf.“

„Können wir Martin irgendwie helfen, seine Erinnerungen aufzufrischen?“ fragte Buffy.
„Will, und steht da etwas, warum wir eine Serie sind?“

„So direkt nicht. Aber hier steht etwas von Parallelwelten. Vielleicht existieren wir neben Martins Welt und etwas ist durchgesickert. Das kann bestimmt passieren. Ich müsste noch etwas recherchieren.“

„Oder der Autor dieser Serie war schon einmal hier und hat sich in seinen Träumen an uns erinnert. Der arme Kerl hat also die ganze Zeit Albträume.“

„Hier steht noch etwas“, unterbrach ihn Willow.
„Das ist etwas merkwürdig. Was bereits geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Was hat das zu bedeuten?“

„Darum kümmern wir uns später. Erst braucht Martin sein Gedächtnis wieder.“
Giles übernahm das Kommando.
„In welchen Situationen konntest du dich schon fast erinnern? Vielleicht kommen wir mit Hypnose weiter.“

„Ich weiß nicht.“
Martin runzelte die Stirn.
„Vorhin war da etwas, als wir über die Namen der Schauspieler gesprochen haben.“

„Du hast Giles Tony genannt“, warf Buffy dazwischen.
„Und danach ein merkwürdiges Gesicht gemacht“, ergänzte Xander.
„Vielleicht hilft es, wenn du an uns als Schauspieler denkst und nicht als reale Personen“, schlug Giles vor.
„Vielleicht sollten wir etwas Schauspielertypisches machen, was man im realen Leben niemals tun würde. Plötzlich anfangen zu singen und zu tanzen.“

Martin lachte laut auf.
„Aber das macht ihr tatsächlich. Sunnydale ist irgendwie verzaubert, und plötzlich verhalten sich alle wie Darsteller in einem Musical. Ihr singt und tanzt die ganze Zeit über.“

„Wir singen? Und tanzen? Könnt ihr euch Giles vorstellen, wie er das Tanzbein schwingt und ein Liedchen trällert?“
Natürlich konnte sich Xander diese Stichelei nicht verkneifen.

„Er macht das sogar sehr gut. Seine Parts sind mit die besten, und wir…“
Er stoppte mitten im Satz und starrte die Gruppe mit offenem Mund an.
„Oh mein Gott. Wie konnte ich das vergessen?“

„Was hast du vergessen?“

„Meine Frau. Ich bin verheiratet. Sie ist ein großer Fan von Giles und nennt ihn Tony. Wie konnte ich nur…, ich habe an unser Haus gedacht, aber mir fiel nicht auf, dass ein Haus für mich alleine unsinnig wäre. Aber das Singen jetzt… Danke Willow.“
Er fiel ihr spontan um den Hals und küsste sie auf die Wange.
„Was passiert jetzt? Kehre ich zurück?“

Er blinzelte, und die Bibliothek verschwand vor seinen Augen.
Es war mitten in der Nacht, und er lag zu Hause in seinem Bett.
Hatte er geträumt?
Neben ihm lag schlafend seine Frau, und er kuschelte sich an sie.

„Fröhliche Weihnachten mein Liebling“, sagte er leise.

***EPILOG***

„Jetzt ist er endgültig weg.“, sagte Willow traurig.

„Er kann uns ja zumindest noch im Fernsehen bewundern“, ergänzte Buffy und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Wir müssen nur aufpassen, dass wir nichts Peinliches sagen oder tun.“

„Und wir sollten seine Ratschläge befolgen. Wie war das…, du Willow sollst nicht…, äh…, und Buffy soll aufpassen…, hatte er nicht eine Schwester erwähnt?“
Xander schaute ratlos in die Runde.

„Ich habe keine Schwester, das kann’s nicht gewesen sein. Willow und Magie…, ich kann mich nicht mehr erinnern.“
Buffy runzelte die Stirn.

„Ich weiß es auch nicht mehr…, a-aber wir haben doch eben noch davon gesprochen. Wie…?“

„Vielleicht ist es besser so“, mischte Giles sich ein.
„Wahrscheinlich könnten wir eh nichts an unserer Zukunft ändern. In seiner Welt ist sie bereits geschehen, und deshalb vergessen wir jetzt. Vielleicht war das vorhin gemeint.“
Er seufzte und rieb sich die kleine Falte zwischen den Augen.
„Und wenn wir nichts tun können, dann möchte ich gar nicht so genau wissen, was wir noch alles durchmachen müssen.“

Langsam zerriss er den Zettel in seiner Hosentasche in kleine Stücke.

ENDE

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