Freud und Leid der Erziehung

Das ist eine der vielen Geschichten, die ich nie zu Ende gebracht habe, da mir der richtige Zugang fehlte.

***

Acht Jahre bin ich jetzt alt, und wenn ich zurück schaue, dann muss ich sagen, dass ich meine Aufgabe sehr gut gemeistert habe.

Nach Jahren mühevoller Arbeit habe ich meine Menschen endlich erzogen bekommen.

Dabei fing alles recht schwierig an.

Als streunender Welpe wurde mir ziemlich schnell klar, dass ich es im Leben einfacher haben würde, wenn ich mir ein Frauchen oder Herrchen suchen würde.

Natürlich war es lustig, den ganzen Tag frei herumlaufen zu können, aber die Vorteile eines regelmäßig gefüllten Fressnapfes und eines warmen Platzes zum Schlafen waren ebenfalls nicht von der Pfote zu weisen.

Also machte ich mich auf die Suche.

Schon nach relativ kurzer Zeit hatte ich ein geeignet erscheinendes Exemplar gefunden. Sie nahm mich auf den Arm, fand mich süß, schmuste mit mir und gab mir zu fressen. In der ersten Nacht durfte ich sogar bei ihr schlafen, und das erinnerte mich so sehr an meine leibliche Mutter, dass meine Entscheidung gefallen war.

Das sollte meine neue Mama sein.

In den ersten Tagen ging auch alles gut, ich wurde verwöhnt, und man spielte mit mir, ich bekam leckeres Futter und durfte ansonsten machen was ich wollte.

Auf meinen kurzen Beinen rannte ich meiner Mama überall hinterher. Das Leben war einfach perfekt.

Doch leider veränderte sich dann alles. Ich bekam Kommandos und wurde an etwas angebunden, dass man Leine nennt. Alles jaulen half nichts.

Menschen nennen das Erziehung.

Und leider hatte ich ein sehr ambitioniertes Exemplar erwischt, das auf Konsequenz schwor.

So ein Unfug.

Ich hätte ihr gleich sagen können, dass das nicht funktioniert.

Zuerst sah es allerdings noch so aus, als könnte sie sich durchsetzen. Jeder traurige Hundeblick und jedes Jammern wurden von ihr ignoriert. Und weil sie sich so freute, wenn ich brav war, tat ich ihr auch manchmal den Gefallen. Außerdem gab es dann immer extra Streicheleinheiten und eine besonders schmackhafte Leckerei.

Doch sie sollte nicht glauben, dass ich nun erzogen war.

Sobald ich die Chance dazu hatte und auf einem Spaziergang etwas ganz besonders Interessantes erschnupperte oder erspähte rannte ich los.

Es machte mir einen Riesenspaß, ihr bei den Versuchen mich einzufangen zuzuschauen, und ich achtete darauf, immer gerade so weit vor ihr zu sein, dass sie mich nicht erwischte.

Natürlich wurde ich hinterher ausgeschimpft und musste zurück an die Leine, aber das war mir der Spaß wert.

Mit der Zeit führte das nur leider dazu, dass ich draußen gar nicht mehr frei rennen durfte, und an der Leine war es so langweilig.

Ich musste mir also etwas anderes einfallen lassen.

Daher fing ich an, bei Spaziergängen an der Leine zu zerren, ich rannte plötzlich los oder blieb unvermittelt stehen, lief im Zickzack vor Mamas Beinen hin und her bis sie über mich stolperte.

Natürlich war sie davon genervt, und das ließ sie mich auch merken, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie eine neue Regel einführte.

Ich sollte ‚bei Fuß gehen’.

Das war noch langweiliger.

Jetzt konnte ich nicht einmal mehr einer Spur folgen oder die Leine um einen Baum wickeln.

Aber anscheinend hatte mein trauriger Hundeblick Erfolg, denn eines Tages wurde zu meiner großen Überraschung das lästige Stück Leder an meinem Halsband entfernt, und mir wurde erlaubt zu rennen.

Das nutzte ich gleich richtig aus und rannte vergnügt die Strasse rauf und runter. Und da ich meinen Willen durchgesetzt hatte, war ich von nun an auch braver.

Meistens zumindest.

  1. Keine Trackbacks bisher.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.